10.
Oktober 2010
Amaryllis Quartett plus

Das Programm
Anton
Webern
Fünf Sätze für
Streichquartett op. 5
Robert Schumann
Streichquartett a-moll op.
41/1
*****
Franz Schubert
Oktett F-Dur D 803 op. post.
166
Die Interpreten
Gustav Frielinghaus,
Violine
Lena Wirth,
Violine
Lena Eckels,
Viola
Yves Sandoz,
Violoncello
*****
Alexandra Hengstebeck,
Kontrabass
Christoph Eß,
Horn
Markus Krusche,
Klarinette
Daniel Mohrmann,
Fagott
Zum Programm
Anton Webern gehört,
neben Alban Berg und dem Lehrer von beiden, Arnold Schönberg, zum engeren Kreis
der „Zweiten Wiener Schule“. Wie bei Schönberg entwickelte sich sein
Kompositionsstil nach spätromantischen Anfängen zunächst zur freien Atonalität -
mit der er einer der Hauptvertreter des musikalischen Expressionismus wurde -
und später zur reihengebundenen Atonalität der Zwölftontechnik. Mit seiner
Anbindung rhythmischer, dynamischer und klanglicher Elemente an die
Reihenstruktur beeinflusste er nach 1950
wesentlich
die Entwicklung der
seriellen Kompositionstechnik, z.B. von Stockhausen, Boulez und Nono. Diesen
Erfolg hat er jedoch nicht mehr erlebt: Als er vor 65 Jahren, am 15. 9.1945, in Mittersill bei Zell am See während der abendlichen Ausgangssperre zum Rauchen
vor die Haustür ging, wurde er von einem amerikanischen Soldaten
(unbeabsichtigt) erschossen.
Die 1909 komponierten fünf
Streichquartettsätze op. 5 waren das erste konsequent atonale Werk Weberns.
Extreme Kürze und motivische Verdichtung kennzeichnen die Sätze. Die Spielzeit
des Werkes beträgt insgesamt nur 8 Minuten, wobei der dritte Satz nicht einmal
40 Sekunden dauert. Mit ständigem Wechsel zwischen verschiedenen Spieltechniken
werden die klanglichen Möglichkeiten der Streichinstrumente voll ausgeschöpft.
Nur im Eröffnungssatz ist noch, wenn auch äußerst komprimiert, die klassische
Sonatenform mit Haupt- und Seitenthemen, Durchführung und Reprise, erkennbar.
Ein kurzes heftiges Aufbäumen gefolgt von resigniertem Zurücksinken als
Hauptthema kontrastiert mit einer sanften Motivkette als Seitenthema. Die
folgenden Sätze sind ausdrucksstarke Klangfarbenbilder, vorwiegend in zarten
Tönen, wie die detaillierten Anweisungen des Komponisten darin zeigen: „mit
zartestem Ausdruck“; „sehr zart“ …; „äußerst zart“ …; „äußerst ruhig“, … dann,
nach einem lauten Seufzer, … „verlöschend“.
Schumann durchlief mehrere Schaffensphasen, in denen er sich jeweils
fast ausschließlich mit einer bestimmten Werkgattung beschäftigte. So schrieb er
von 1828 bis 1839 fast nur Klaviermusik. Es folgte als zweite Periode die durch
seine Eheschließung mit Clara angeregte erste Reifephase seiner
Liedkompositionen. 1841 konzentrierte sich Schumann auf Orchesterwerke. 1842 war
sein großes Jahr der Kammermusik, in dem er seine Streichquartette op. 41/1-3,
sein Klavierquintett op. 44 und sein Klavierquartett op. 47 komponierte. Mit dem
ersten dieser Höhepunkte der romantischen Kammermusik, op. 41/1, soll Schumann
in diesem Konzert zu seinem 200. Geburtsjahr unsere Reverenz erwiesen werden.
Schumann hat seine drei
Streichquartette seinem Freund Mendelssohn gewidmet, womit er dessen
Rückbesinnung auf die Klassik würdigte. Er selbst hatte die Streichquartette
Haydns, Mozarts und Beethovens gründlich studiert, bevor er es 1842 wagte, eigene zu
komponieren. In diesen bemühte er sich, die klassischen Vorbilder im Sinne
seiner poetischen Musikvorstellung weiter zu entwickeln.
Der erste Satz des hier vorgestellten
Streichquartetts op. 41/1 beginnt mit einer langsamen polyphonen Einleitung, die
an einen sakralen Bittgesang erinnert. Ein viertaktiger, scharf akzentuierter
Aufschwung führt zum im 6/8-Takt schwingenden, nach F-Dur wechselnden
Allegro-Teil. Die das Hauptthema bildende Motivkette wird durch ein kurzes
Fugato mit dem motivisch verwandten, jedoch rhythmisch stärker akzentuierten
Seitenthema verbunden. In der Durchführung werden diese Themenkomplexe kunstvoll
verarbeitet.
Das rasante Scherzo schließt sich mit
seinem, wenn auch viel schnelleren 6/8-Takt rhythmisch, aber auch motivisch an
den ersten Satz an. Es beginnt leise mit dem trommelnden Begleitrhythmus seines
Hauptteils, der ein lyrisches „Intermezzo“ umrahmt.
Das wieder in F-Dur gesetzte Adagio
wird durch zarte Aufwärtsbewegungen der beiden Außenstimmen, zunächst des
Cellos, dann, zwei Oktaven höher, der Geige, eingeleitet. Mit dessen Thema, das
an den Beginn des langsamen Satzes von Beethovens 9. Sinfonie erinnert, erweist
Schumann dem Meister der Wiener Klassik seine Reverenz. Mit einer Rückkehr zu
den einleitenden Takten verklingt der Satz.
Drei markante Akkorde, gefolgt von
abwärts führenden Figuren bilden das eindringliche Hauptthema des lebhaften
Finales. Eine kontrapunktisch gestaltete Überleitung führt zu einem zweiten
Thema, das der Umkehrung des ersten entspricht. Nach einem zarten, entrückt
wirkenden „Moderato“ schließt der Satz mit einer stürmischen Coda.
Schubert gilt als der eigentliche Begründer der musikalischen
Romantik. Er hat trotz seines kurzen Lebens in allen musikalischen Gattungen
Außergewöhnliches geschaffen, und dies zeitlich nicht getrennt innerhalb
bestimmter Schaffensphasen wie Schumann, sondern parallel.
Seine intensive Auseinandersetzung
mit dem Werk Beethovens, dessen Genie er für unerreichbar hielt, führte Schubert
ab etwa 1817 in eine Schaffenskrise, von der zahlreiche unvollendete Werke
zeugen. 1824 scheint er die Krise überwunden zu haben: Er arbeitete intensiv an
mehreren Kammermusikwerken, u.a. an seinem Oktett. Mit diesem Werk wollte er
sich, nach bereits sechs vollendeten Symphonien und der „Unvollendeten“, noch
einmal „ … den Weg zur großen Symphonie bahnen“ - konkret zur (1825 oder 1826
komponierten) „großen C-Dur Symphonie“ (Nr. 8). Das erklärt den symphonischen
Charakter des Oktetts - aber auch, warum diese Perle der Kammermusik relativ
selten aufgeführt wird.
Schubert hat sich bei seinem
Oktett am Septett, op. 20, Beethovens orientiert, hat aber die genial
realisierte Idee seines großen Vorbildes, den
unterhaltsamen Charakter der Serenade
mit den klassischen Formen zu verbinden, in fast jeder Hinsicht erweitert. So
hat er mit der Ergänzung des Septetts durch eine zweite Geige die dynamische
Balance zwischen Streichern und Bläsern verbessert und den Klangcharakter des
Ensembles weiter in Richtung Orchester verschoben. Auch den Serenadencharakter
hat er, vor allem in den beiden Ecksätzen und im Adagio, in der für ihn
typischen Weise romantisch beseelt und sinfonisch dramatisiert.
Die langsame Einleitung zum
Kopfsatz beginnt mit einem kräftigen Unisono des Grundtons F, der - abklingend -
von den Bläsern und dem Kontrabass über vier lange Takte gehalten wird, während
das Streichquartett leise das rhythmisch pochende Grundmotiv vorstellt, dessen
punktierte Achtelfiguren nicht nur das nachfolgende Allegro prägen, sondern auch
die weiteren Sätze motivisch miteinander verbinden.
Die Klarinette eröffnet das ins
tiefere B-Dur getauchte, im 6/8-Takt sanft schwingende Adagio, dessen
Melodienseligkeit im Wechselspiel der Instrumente weitergesponnen wird, bis
diese, nach einer kurzen Stimmungstrübung, von der Klarinette beendet wird.
Der 3. Satz hat den Charakter
eines Scherzos, dessen Hauptteil durch einen hüpfend punktierten Rhythmus
geprägt ist, während eine wiegende Melodie in der Art eines Ländlers seinen
Mittelteil, ein Trio in C-Dur, bestimmt. Beruhigend wirken danach die sieben
abwechslungsreichen Variationen über ein liedhaftes Thema, die mit einer zarten
Coda enden. Es folgt ein spielerisch lockeres Menuett, dessen Thema wieder die
charakteristisch punktierten Achtelfiguren aufgreift.
Eine bedrohlich düstere, durch
extreme Dynamik und scharfe Punktierungen geprägte Einleitung in f-moll sorgt
für einen wirkungsvollen Kontrast zum sich anschließenden spielerisch
unbekümmerten Hauptteil des Schlusssatzes, der als konzertant-virtuoses Rondo im
alla-breve-Takt angelegt ist. Eine kurze Erinnerung an die düstere Einleitung
wird durch die stürmische AbschlussStretta hinweggewischt.
Zu den Interpreten
Das junge
deutsch-schweizerische Amaryllis Quartett mit Gustav Frielinghaus und
Lena Wirth (Violinen), Lena Eckels (Viola) und Yves Sandoz (Violoncello) wurde
in Basel von Walter Levin, dem Primarius des La Salle Quartetts, und in Köln vom
Alban Berg Quartett ausgebildet. Nach mehreren vorangehenden nationalen und
internationalen Preisen gewann das Ensemble 2009 den Wettbewerb des „Deutschen
Musikrates“, als dessen Stipendiat es in diesem Konzert auftritt. Am Mittwoch
vor seinem Konzert in der Jülicher Schlosskapelle wurde ihm in Münster der
Förderpreis des Landes NRW verliehen. Es ist in zahlreichen, zum Teil von
Rundfunksendern übertragenen Konzerten mit großem Erfolg aufgetreten. So hat das
Amaryllis Quartett die Streichquartettsätze von Anton Webern, die es hier
spielt, vor einiger Zeit in der Sendereihe „50 Meisterwerke“ des
Südwestdeutschen Rundfunk vorgestellt.
Auch die zur Aufführung von
Schuberts Oktett benötigten zusätzlichen Musiker, Alexandra Hengstebeck
(Kontrabass), Markus Krusche (Klarinette), Daniel Mohrmann (Fagott) und
Christoph Eß (Horn) sind Preisträger renommierter Wettbewerbe und Stipendiaten
bedeutender Stiftungen, darunter des „Deutschen Musikrates“. Alle sind in
zahlreichen Konzerten solistisch, kammermusikalisch und in Orchestern
erfolgreich aufgetreten. Alexandra Hengstebeck und Christoph Eß sind zurzeit bei
den Bamberger Symphoniker engagiert. Der ARD-Preisträger Christoph Eß hat das
Publikum der Schlosskonzerte bereits beim vorangehenden Konzert mit seinem
außergewöhnlichen Können beeindruckt.
Zum Programmheft

Home | Nach oben | Rezension
webmaster:
dr.weitz@online.de
Stand: 13. Oktober 2010.
|